Es ist kurz vor sieben Uhr, und völlig verfroren öffne ich die Türe der Station "Adalbert" des Pflegezentrums der Barmherzigen Brüder in Kainbach bei Graz.
Hier werde ich meinen Tag mit 15 schwerst geistig- und körperbehinderten Menschen verbringen, die aufgrund ihres Entwicklungstandes liebevoll "Kinder" genannt werden, obwohl die meisten schon weit über 20 Jahre alt sind.
Die Kleidung der Betreuer erinnert an ein Pflegeheim, sonst vermitteln einem die vielen Bilder, Windspiele und bunten Möbel eher den Eindruck eines Kinderhortes. Ich betrete das "zu Hause" dieser Menschen, welche zum Teil seit Jahren hier leben und wohl ihren Lebensabend in Kainbach verbringen werden. Wie jedes Kleinkind sehnen sie sich nach Liebe und Zuneigung und bauen Bindungen zum Pflegepersonal auf, welches nur all zu oft Familienersatz ist.
Mein Tag wird geprägt sein von der Körperpflege, An- und Umziehen sowie dem Essen ausgeben, und dem Versuch zu verstehen, was diese "Kinder" bewegt, denn sprechen kann keines von ihnen.
Da ist zum Beispiel Anika, deren "Morgengymnastik" nach dem Frühstück darin besteht, dass sie sich in ihrem Bett munter verrenkt und darauf wartet, dass ich ihr die Zähne putze. Nach dieser Pflichtübung blödeln wir noch ein bisschen herum, was sie erheitert, und ein Lachen erfüllt den Raum. Sie beobachtet aufmerksam, wie ich Petras Bett mache, welche gerade gebadet wird, und freut sich, wenn wir sie endlich in ihren Rollstuhl setzen und nach dem Haarkämmen zu den anderen Kindern in den Aufenthaltsraum bringen. Dort verfolgt sie mit großer Spannung, wie ich die Reste der "Frühstücksschlacht" beseitige, und ich erzähle ihr dabei Geschichten, worauf sie mit glucksendem Lachen oder Luftbussis antwortet.
Man hört ein lauter werdendes Brummen, und Robert kommt in seinem Elektrorollstuhl um die Ecke, welchen er mit zwei Fingern bedient, die einzigen Gliedmaßen, über welche er völlig Kontrolle hat. Er ist heute wütend, weil seine Lieblingsbetreuerin nicht zur Arbeit kommt, und äußert seinen Missmut durch lautes Schreien und um sich schlagen, wenn man ihm zu nahe kommt. So versuchen wir, ihn aus sicherer Entfernung auf andere Gedanken zu bringen, was heute leider von wenig Erfolg gekrönt ist.
Nun ist die Ruth gekommen, um Paul seine Vormittagsjause zu geben. Er kann nicht kauen, und muss deshalb all seine Nahrung in Breiform zu sich nehmen. Und so geht beim Essengeben schon mal was daneben, was größere oder kleinere Spuren auf meiner Kleidung hinterläßt. Doch diese für mich so alltäglichen Rituale werden dort zu Zeiten der Begegnung. Zeiten für Streicheleinheiten und liebe Worte, die oftmals ein unverhofftes Lächeln und manchmal ein herzliches Lachen hervorrufen können.
Nach dem Mittagessen, wenn die erste Arbeit getan ist und ein bisschen Ruhe einkehrt, hat man dann Zeit, sich intensiv mit den Bewohnern zu beschäftigen. Vielleicht lese ich Maxi ein Buch vor, der nie genug davon kriegen kann und als Zeichen seiner Freude einem kräftig an den Haaren zieht. Oder ich nehme Pezzi auf den Arm, der blind und taub ist und so zu wenig von dieser Welt mitbekommt und sich vielleicht durch den Körperkontakt für einige Zeit geborgen fühlt und seine autoaggressiven Schläge unterläßt. Man könnte auch mit Felix schaukeln gehen. Er kann so herzlich dabei lachen, wenn er aus dem Rollstuhl genommen wird und mal durch die Luft fliegt.
Wenn ich so im Laufe des Tages die verschiedenen Emotionen dieser Kinder erleben kann: Freude oder Traurigkeit, Langeweile, Eifersucht und Wut auf sich und andere, wird mir bewusst, dass man diese Menschen all zu leicht unterschätzt. Sie verstehen viel mehr von dieser Welt als man zuerst glauben mag, haben nur kaum die Möglichkeit, sich aktiv an ihr zu beteiligen. Dennoch bekommt man oftmals mehr Liebe und Zuneigung von diesen Kindern zurück als man ihnen geben kann.
Nun geht es langsam dem Abendessen entgegen, und es bricht leichte Hektik auf unserer Station aus. Man will ja mit der Arbeit fertig werden. Die Kinder kennen den seit Jahren gleichen Tagesablauf und spiegeln die Unruhe des Pflegepersonals wider.
Es ist kurz vor fünf, und ich verlasse nach dem Essen die Station mit dem Gedanken, dass der Tag wieder zu kurz war, um auf alle Kinder intensiv einzugehen, jedoch lange genug, um total erschöpft zu sein. Dennoch verlasse ich mit einem guten Gefühl die Station, und zum Schluss fällt mein Blick noch mal auf die Türe, wo der treffende Satz geschrieben steht: "Das Eigentliche ist unsichtbar."
Beate M. stammt aus Nürnberg und gehörte schon vor einigen Jahren zur JEV-Kommunität in Graz. Sie arbeitete im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder.
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