Rebekka H.

Rebekka H.

Das andere Gesicht Deutschlands

Mein JEV-Jahr 2006/07 in Leipzig

Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell Zeit vergehen kann und wie schnell ein Jahr verfliegt! Das letzte Jahr war ein sehr intensives und prägendes Jahr für mich, und es stimmt zu sagen, es war ein Jahr des Umbruchs und der Neuorientierung! Zum ersten Mal ein wirklicher Umzug weg von Zuhause, zum ersten Mal wortwörtlich auf eigenen Beinen stehen und selbstständig leben, zum ersten Mal in die Arbeitswelt schnuppern. Am Anfang des Jahres viel Neues und Unerwartetes. Ein großes Wagnis, das sich sehr gelohnt hat und mich persönlich weiter gebracht hat. Ein Jahr mit vielen Begegnungen und Bewegungen – kein Stillstand, sondern Aufbruch (Caminando va!).

Meine Vorstellung war es immer, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen, einen anderen Kontinent kennen zu lernen und Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht wie uns hier in Deutschland. Letztendlich habe ich ein soziales Jahr in Deutschland gemacht und dennoch einen anderen „Kontinent“ (im übertragenden Sinne: eine andere Wirklichkeit) kennen gelernt und Menschen versucht zu begleiten, denen es nicht so gut geht, wie der Mittel- und Oberschicht in Deutschland. Mir ist klar geworden: du musst nicht unbedingt weit weg fahren, um Leid zu sehen, es reicht schon aus, wenn du deine Augen einmal der Wirklichkeit öffnest, und du siehst die Armut in deinem eigenen Land, die nicht weit weg ist, sondern direkt vor deiner eigenen Tür ist. Natürlich ist die Definition von Armut in sogenannten „Dritte-Welt-Ländern“ und hier in Deutschland eine klar andere. Ich habe erlebt, dass Kinder und Jugendliche arm sind an Zuneigung und Liebe, arm sind an Zuspruch und Geborgenheit, arm sind an Menschen, die ihnen helfen und denen sie vertrauen können, arm sind an Vorbildern, arm sind an Möglichkeiten, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen, arm sind, sich aus Zwängen und Milieus zu lösen, arm sind, Beziehungen aufzubauen und zu leben, arm sind, Konflikte ohne Gewalt auszutragen, arm sind an Erfahrungen, dass es gut ist, dass sie da sind!

Bei uns in Deutschland verwahrlosen viele Kinder und Jugendliche häufig seelisch, sie hungern nach Aufmerksamkeit und Liebe! Die Folge dessen sind stark auffällige, teilweise gewaltbereite Kinder und Jugendliche, die manchmal vor nichts mehr zurückschrecken; was haben sie schließlich noch zu verlieren?

Vor dieser Armut stand ich oftmals voller Ohnmacht und Ärger, nichts an der Lebenswirklichkeit dieser Kinder und Jugendlichen verändern zu können. Während meiner Arbeit in einem offenen Kinder- und Jugendtreff „Kojule“ in dem sozial schwachen Stadtteil Leipzig-Leutzsch bin ich in Kontakt gekommen mit Randgruppen unserer Gesellschaft, den Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien, denen gemeinhin wenig Entwicklungspotenziale eingeräumt werden und die für sich selbst oft schlechte Zukunftschancen sehen. Ich kam unter anderem in Berührung mit Kinderverwahrlosung, Jugendarbeitslosigkeit, Jugendkriminalität, Alkoholproblemen und lernte Ursachen, Zusammenhänge und Mechanismen kennen, die in unserer Gesellschaft wirken, die menschliche Entwicklung prägen und die Ausbildung bestimmter Fähigkeiten bei diesen Jugendlichen verhindern. Ich musste lernen, dass es nicht darauf ankommt, sofort im Großen zu verändern, sondern im Kleinen anzufangen. Oft ist Veränderung nicht nach außen hin zu sehen oder zu messen, und dennoch habe ich die Hoffnung, vielleicht etwas bewegt zu haben im Kleinen, in den Herzen und in den Köpfen einiger, die zu uns in die „Kojule“ kamen.

„Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, können viele kleine Schritte tun, die das Antlitz unserer Welt verändern!“ Es geht darum, kleine Schritte zu wagen und zu setzen und sich nicht zuallererst an dem Großen die Zähne auszubeißen und zu resignieren.

Mich persönlich hat diese Realität in Deutschland, die mir vor meinem Jev-Jahr nicht so vor Augen war, ein Stück weit meiner Naivität beraubt. Die Auseinandersetzung durch meine Arbeit, durch Impulse von Menschen und von außen mit den Problemen dieser Zeit hat meinen Horizont geweitet und mich mit Fragen konfrontiert, die vorher für mich weit weg waren. Mir wurde deutlich, wie wichtig es ist, sich für Menschen einzusetzen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, ihnen Mut zu machen, Lichtblicke zu schenken und wie viel Freude diese Arbeit trotz Zeiten der Frustration macht!

Für mein JEV-Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen bin ich sehr dankbar und möchte es auf keinen Fall missen. Die vielen Begegnungen mit interessanten Menschen, die vielen prägenden Gespräche, die vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die ich gemacht habe, die vielen Impulse und Anregungen, die ich bekommen habe, die vielen Fragen, die sich mir gestellt haben und die Freundschaften, die ich gefunden habe, haben dieses Jahr zu etwas ganz Besonderem gemacht, das ich noch lange im Herzen tragen werde!

Rebekka H.

 
Zuletzt geändert: 13.12 2009